Dürfen Logopäden einen Patienten absaugen und die Trachealkanüle wechseln?

Ja, dürfen sie.

Logopäden behandeln nicht selten Patienten in Pflegeeinrichtungen oder im häuslichen Umfeld, die eine Trachealkanüle tragen. Eine Frage im Umgang mit diesen Patienten betrifft die rechtlichen Aspekte „Absaugen“ und „Wechsel der Trachealkanüle“.

Dürfen Logopädinnen und Logopäden im Rahmen der Therapie eine Trachealkanüle wechseln und endotracheal absaugen?

Gibt es eine Fortbildungsmöglichkeit oder eine Art Zertifizierung, die uns Logopäden autorisiert, auch diese Tätigkeiten im Rahmen der Therapie durchzuführen?

Antwort

Die Antwort auf diese Frage erfordert eine Beleuchtung mehrerer Aspekte. Von entscheidender Bedeutung ist aber die Haftung, sowohl die zivilrechtliche als auch die strafrechtliche. Daneben die eigene Befähigung.

zivilrechtliche Haftung

Wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum oder ein sonstiges Recht eines anderen widerrechtlich verletzt, ist dem anderen zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens verpflichtet.
Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) § 823 (1)

Im Falle einer Verletzung der Trachea im Rahmen eines Trachealkanülenwechsels beispielsweise, müsste der Patient, sofern er Klage vor einem Zivilgericht einreicht nachweisen, dass die Verletzung vorsätzlich oder fahrlässig zugefügt wurde. Bei einer guten Dokumentation der Therapieinhalte und des eigenen Vorgehens, sollte das nicht möglich sein.

Zur eigenen Sicherheit sollte man sich als Logopädin vorher mit seiner Berufshaftpflicht-Versicherung kurzschließen. Im Falle einer Verurteilung zu Schadensersatz vor einem Zivilgericht würde diese Versicherung greifen.

strafrechtliche Haftung

Ungleich komplexer ist der strafrechtliche Aspekt. Wie im zivilrechtlichen Haftungsfall sollte es schwer sein, einer Logopädin Vorsatz nachweisen zu können – weil Logopädinnen und Logopäden ihre Patienten nicht vorsätzlich verletzen.

Die andere Fragestellung im Strafrecht lautet, ob es sich um Fahrlässigkeit handelt.

Kann eine Logopädin nachweisen, dass sie die nötigen Kenntnisse für einen Trachealkanülenwechsel besitzt und die Einwilligung des Patienten hat, ist eine mögliche Verletzung im Rahmen der Therapie keine Fahrlässigkeit.

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Einwilligung

Patienten kommen freiwillig in die Praxis – oder lassen die Logopäden freiwillig ins Haus kommen bei einem Hausbesuch. Sie haben eine Verordnung vom Arzt. Daraus ergibt sich eine stillschweigende Einwilligung in therapeutische Maßnahmen, also ein Behandlungsvertrag nach § 611 des BGB.

Die Einwilligung des Patienten bzw. eines möglichen Betreuers kann man sich ggf. außerdem einholen. Im Rahmen eines Aufklärungsgesprächs sollten alle möglichen Inhalte der Therapie angesprochen und erklärt werden. Die Durchführung eines solchen Gesprächs kann man in einem Behandlungsvertrag festhalten.

Unterlassene Hilfeleistung

In Bezug auf das Absaugen sollte man einen weiteren Aspekt beachten. Ist ein Patient mit einer Trachealkanüle verschleimt, leidet unter aktuter Atemnot, dann muss man als Logopädin sogar absaugen. Es nicht zu tun, kann als unterlassene Hilfeleistung ausgelegt werden.

Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.
Strafgesetzbuch (StGB) § 323c

Nachweis von Kenntnisse und Fähigkeiten

Auf dem Markt der Fortbildungen für Logopäden gibt es Seminare, die sich mit dem Trachealkanülenmanagement beschäftigen. Wer mit Trachealkanülen-Trägern arbeiten will, muss sich fortbilden und die Handlungen regelmäßig üben.

Reha-Kliniken oder Akutkrankenhäuser bieten manchmal entsprechende Hospitationsmöglichkeiten an, Dysphagie-Zentren oder Schluckambulanzen sind auch kompetente Ansprechpartner.

Bei einem konkreten Patienten ist es vielleicht sogar hilfreich, die Therapiezeit so zu planen, dass der behandelnde Arzt im Haus ist oder der Pflegedienst. Gemeinsam kann dann das Vorgehen besprochen werden oder das Absaugen geübt werden. Die Einrichtung oder der Arzt stellen einem dann sicher einen Nachweis aus, dass man in Absaugen und Trachealkanülenmanagement eingewiesen wurde.

Epilog

Ich habe vor zwei Jahren mal einen hohen Geldpreis ausgelobt für denjenigen, der mir einen Gesetzestext oder eine Vorschrift vorlegen kann, dass Logopäden nicht absaugen und Trachealkanülen wechseln dürfen. Mit einer eindeutigen Festlegung auf eine Berufsgruppe hätte ich mich auch zufrieden gegeben. Ich warte bis heute.

Es gibt also keine Vorschrift oder rechtlichen Ausschluss. Logopäden dürfen absaugen. Sie dürfen auch Trachealkanülen wechseln.

Weiterführende Literatur

Motzko M, Weinert M, Haftungsrecht in der Dysphagietherapie, in Forum Logopädie, Okt 2004, S 11 ff.

Boxberg E., Gesetzes-und Staatsbürgerkunde: Prüfungswissen für Physiotherapeuten und Masseure, Urban & Fischer Verlag, 1998

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Der Autor

Alexander Fillbrandt ist Logopäde, FEES-Ausbilder, Autor der interaktiven Therapiebücher und Gründer von madoo.net. Seine Schwerpunkte an der Uniklinik Mainz sind Dysphagie und Trachealkanülen.

3 Gedanken zu “Dürfen Logopäden einen Patienten absaugen und die Trachealkanüle wechseln?”

  1. Leider gibt es bisher keinen Gesetzestext, der Logopäden den Wechsel einer TK oder die endotracheale Absaugung verbietet.

    Sollte beim Wechsel ( insbesondere bei einem recht neu angelegten dilatativen Tracheostomas) etwas „schiefgehen“, so ist nicht der Logopäde in der Lage zu intervenieren, sondern Arzt und Pflege.
    Logopäden ( und das gibt ihre Ausbildung gar nicht her) den Pat. Nicht als Ganzes sehen, sondern nur ihren kleinen Teilbereich.

    Für mich haben Logopäden nichts im Trachealkanülenmanagement zu suchen. Sie sollten ihre Zeit den Dingen widmen, die durch Einmischen in andere Bereiche zu kurz kommen, nämlich das Schlucken und die Stimmbildung.

    1. Hallo Sascha,

      doch! Es gibt Regelungen, die Logopäden (und Pflegekräften im übrigen auch) das Absaugen und Wechseln einer Trachealkanüle untersagt. Nämlich die Tatsache, das beides ärztliche Tätigkeiten sind. Allerdings kann ein Arzt beides an Fachpersonal delegieren. Und da sind auch Logopäden die Richtigen für.

      Das ergibt sich schon aus dem Auftrag, den ein Arzt an die Logopädie stellt: Trachealkanülenentwöhnung ist Teil der Logopädie, da es in den Bereich der Dysphagie fällt. Das Schlucken lässt sich nur behandeln, wenn man sich auch um die Trachealkanüle kümmert. Dazu muss man Absaugen können – und dürfen.

      Natürlich muss jede Logopädin dabei ihre Grenzen kennen, aber auch andere Berufsgruppen sollten anfangen mehr an den Patienten zu denken und sich nicht auf Ganzheitlichkeit berufen ohne sie zu leben. ;)

      Grüße
      Alex

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