Schlucktraining bei fehlender Motivation?

Eine logopädische Frage zu einer älteren Patientin, die ich gern beantworte. Bei Patienten mit einer Presbyphagie sind die Schwerpunkte der Therapie manchmal besser anders gesetzt.

„Ich habe eine Patientin (80), die nach Infarkten nur noch sehr wenige kommuniziert, keine willkührlichen Bewegungen im orofazialen Bereich mehr durchführen kann und verzögert schluckt. Sie neigt den Kopf immer sehr weit nach vorn, ihr Hustenstoß ist krägtig. Leider hat sie einen ausgeprägten Beißreflex. Verzögert bis zu fünf Minuten nach dem Schlucktraining mit Testkost musst die Patientin fürchterlich husten. In dem Pflegeheim, wird sie nur noch ein Mal pro Woche durch eine Physiotherapeutin auf die Bettkante mobilisiert. Die Anghörigen wünschen sich von mir, dass ich mit meiner Patientin ein Schlucktrainig durchführe. Was hältst du davon?

Anwort

Bei einer Störung der oralen Phase ist oft der Schluckreflex betroffen. Ein Husten – oft Anzeichen für Penetration oder Aspiration – das postdeglutitiv auftritt, deutet auf eine Störung der pharyngealen Phase des Schluckaktes hin. Um eine Aspirationsgefahr abschätzen zu können, scheint hier ein bildgebendes Verfahren sinnvoll. Zumindest auf den ersten Blick.

Zur Verbesserung der oralen Phase würde ich mit oraler Stimulation nach F.O.T.T. beginnen. Hier vor allem mit therapeutischer Mundpflege. In Anlehnung an Affolter (vgl. Das Affolter-Modell®: Entwicklungsmodell und gespürte Interaktionstherapie) solltest du dir aber viel Zeit lassen mit der Kontaktaufnahme und mit vorbereitenden Berührungen beginnen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade in Pflegeeinrichtungen oft wenig Zeit zur Verfügung steht und die Mitarbeiter bei der Mundpflege oft sehr schnell mit Finger, Zahnbürste oder Schwämmchen im Mund sind. Der Mund ist aber eine sehr private Zone. Hier ist eine behutsame Vorbereitung und „sich nähern“ angebracht. Um den Beißreflex zusätzlich zu kontrollieren, könnte der Kieferkontrollgriff hilfreich sein.

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Tatsächlich kannst du außer der intraoralen Stimulation nicht viel machen. Die fehlende Kopfkontrolle ist meiner Ansicht nach kein primäres Ziel: eine Kopfneigung nach unten ist für den Schluckakt eher von Vorteil, ist so eine Art unfreiwilliges Chin-Tuck.

Bei deiner Frage ist mir ein anderer möglicher Schwerpunkt in den Sinn gekommen. Bewohner von Pflegeeinrichtungen, zudem noch so schwer betroffene Patienten, schauen oft nach unten, wenden sich ab. Grund dafür ist meist die Tatsache, dass es nichts interessantes zu sehen gibt (!) und dass sie sich aus der Kommunikation zurückziehen. Und die Kommunikation ist bei deiner Patientin – auch auf Grund einer möglichen Aphasie – eingeschränkt. Zusammen mit den Angehörigen scheint hier ein viel wichtigerer Ansatzpunkt für die Therapie: Die Nahrungsaufnahme lässt sich ersetzten, die zwischenmenschliche Kommunikation, die verbale Interaktion mit der Umwelt, nur sehr begrenzt.

Ich hoffe diese Denkanstöße helfen dir erst einmal bei deiner Planung!

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